Manche müssen nach der Kündigungerst einmal weinen, und das ist okay
Interview in der NZZ vom 8. September 2025, Autorin Andrea Marti
Wegen des Endes der Credit Suisse (CS) erreicht die Zahl der arbeitslosen Banker gerade einen neuen
Höhepunkt. Das zeigen Daten der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons: Auch die schlechte Wirtschaftslage setzt den Banken zu. UBS, Julius Bär und der Börsendienstleister Six haben insgesamt Hunderte von Entlassungen angekündigt – und das in einer Branche, in der die Karriere den Mitarbeitern oft alles bedeutet. Beat Jakob war auch dreissig Jahre lang Banker, bis er sich selbständig machte. Heute berät er entlassene Analysten,Manager und Kundenberater dabei, einen neuen Job zu finden.
Beat Jakob, sie sprechen mit Bankern am Tag, nach dem sie entlassen wurden. Was sagen sie in dieser Situation?
Im allerersten Gespräch höre ich meistens nur zu. Viele haben das Bedürfnis, einmal alles auszusprechen. Den Frust, die Wut, alle Gefühle. Manche müssen erst einmal weinen, und das ist okay – sogar gut. Diesen Emotionen möchte ich Raum geben. Das tue ich, indem ich zuhöre. Ich sage gar nicht viel, tröste auch nicht.
Warum nicht?
Als Coach/Berater wäre das falsch. Trösten ist die Aufgabe von Partnern, Partnerinnen, Freunden. Als Coach/Berater ist es meine Aufgabe, zu zeigen, wie es jetzt weitergeht.
Wie geht es denn weiter?
Es ist völlig okay, sich nach der Kündigung ein paar Tage zurückzuziehen – der Fehler liegt darin, danach in Lethargie zu bleiben. Am wichtigsten ist, eine Tagesstruktur beizubehalten. Am Morgen den Wecker stellen, sich anziehen. Einen Spaziergang machen. Man sollte sich weiterhin mit Freunden verabreden, sich sozial nicht zurückziehen. Zieht sich jemand stark zurück, ist das immer ein Warnzeichen. Es kann darauf hindeuten, dass jemand die Kündigung nicht verkraftet, aus der Traurigkeit keinen Weg findet, vielleicht eine Depression erleidet.
Wie oft kommt das vor?
Ich schätze etwa bei einem Drittel der Entlassenen, die Gefühle fallen natürlich unterschiedlich aus. Viele der Menschen, die ich berate, fokussieren sich sehr auf ihre Karriere, definieren sich über ihren Beruf. Diese Menschen fühlen sich durch eine Kündigung in ihrem Stolz angegriffen, verlieren ihr Selbstwertgefühl. Das ist schwer zu verarbeiten. Und trotzdem – man sollte nicht allzu viel Zeit damit verbringen, sich nur diesen Gefühlen zu widmen.
Wieso nicht? Es ist doch nachvollziehbar, dass man einen Moment braucht, um so einen Schock zu verarbeiten.
Ja, aber man sollte nicht mehr als ein paar Tage nur traurig sein. Es tut schliesslich auch gut, sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen. So merkt man, dass alles irgendwie weitergeht, auch nach der Kündigung. Ausserdem verlangt das Arbeitsvermittlungszentrum (RAV), dass man sich sofort um einen Job bemüht.
Berater der RAV in Zürich berichten, dass Banker schwierig zu vermitteln seien.
Das kann ich gut nachvollziehen. Viele Banker haben überrissene Lohnvorstellungen, wollen unbedingt in der Stadt Zürich arbeiten oder nicht in ein kleineres Unternehmen wechseln. Es gibt aber nunmal nur noch ein Grossbank in der Schweiz, und deren Stellen sind begehrt. Hinzu kommt, dass es für Banker mit einem sehr spezifischen Profil teilweise gar keine oder nur sehr wenige Stellen gibt
Nach dem Ende der Credit Suisse (CS) im Frühling 2023 wurden viele Banker entlassen, sie rechnen jetzt mit einer weiteren Entlassungswelle. Ist die Situation für jene, die heute entlassen werden, anders für jene, die sofort nach dem Aus der CS entlassen wurden?
Der Druck auf die Entlassenen ist gestiegen. Die Banken (UBS, Postfinance, Julius Bär um nur einige zu nennen) haben bereits Stellen gestrichen, und es ist schwieriger geworden, einen gleichwertigen Job zu finden – besonders für Banker ab 50. Wenn die Fusion der Grossbank UBS abgeschlossen ist, werden zudem nochmals viele Banker arbeitslos werden. Momentan werden viele Banker entlassen, die eine stark spezialisierte Stelle hatten. Diese Stellen gibt es nur selten. Dazu kommt, dass die auch wenig mit dem Schweizer Geschäft zu tun hatten. Das macht einen Wechsel zu einer Regionalbank schwierig – und die Stellen, die infrage kommen, noch rarer.
Würden Sie den Bankern, die sich momentan davor fürchten, entlassen zu werden, raten: Lieber gleich kündigen, statt abzuwarten?
Nicht ohne eine neue Stelle sofort kündigen, jedoch: Fangt an, zu suchen. Aktualisiert euer LinkedIn, geht Kaffee trinken mit euren Bekannten aus der Branche. Es ist jetzt einfacher als nach der Kündigung.
Wenn die Lage im Bankensektor so schwierig ist: Raten Sie zu einem Branchenwechsel?
Nein, nicht grundsätzlich. Es gibt immer noch viele offene Stellen im Bankensektor, und Kündigungswellen gab es in unserer Branche immer wieder.
Für wen ist es momentan denn schwierig, wieder einen neuen Job zu finden?
Zum Beispiel für jene, die Einsteigerjobs suchen. Also solche, die drei bis fünf Jahre Berufserfahrung voraussetzen. Dafür muss man beispielsweise Praktika machen, die es im Moment seltener gibt. Schwer haben es auch ältere Banker, die sich zu wenig weitergebildet haben. Das ist aber auch für mich als Berater eine besonders schwierige Situation.
Warum?
Sagt man einem Banker, er habe überrissene Lohnvorstellungen, hört er das nur ungern. Sagt man ihm aber, er habe sich zu wenig weitergebildet in den zwanzig, dreissig Jahren, die er im Beruf gearbeitet hat, greift ihn das direkt in seinem Selbstverständnis an. Schliesslich kritisiere ich seine Haltung gegenüber seinem Beruf. Das wollen viele nicht hören und im Nachhinein hilft es ihnen auch nicht weiter.
Was raten Sie ihren Klienten, um mit solch unangenehmen Hinweisen umgehen sollen?
Darüber reden hilft – wenn sie es können.
Was hält ihre Klienten davon ab?
Ich hatte schon Klienten, die selbst in ihrem privaten Umfeld eine so grosse Angst davor hatten, als Versager zu gelten, dass sie die Kündigung verheimlichen. Eine junge Frau, die Anfang dreissig entlassen wurde, verschwieg es sogar ihrem Partner.
Woher kommt diese riesige Angst?
Es ist halt eine Branche, bei der es sehr stark um Stärke, Performance geht. Wird man entlassen, ist das ein Moment der Verletzlichkeit. Diesen Schlag zu akzeptieren und auch die eigene Unsicherheit nach aussen zu zeigen, ist schwer.
Werden Bauarbeiter oder Krankenpfleger entlassen, löst das in der Öffentlichkeit oft grosse Empörung aus. Kündigungswellen bei Bankern stossen auf wenig Mitgefühl. Trägt das dazu bei, dass Betroffene Angst haben, darüber zu sprechen?
Ja. Was oft vergessengeht: Es gibt zwar Top-Banker, die Millionen verdienen und selbst bei einer Kündigung schnell wieder etwas finden. Die meisten, die jetzt ihre Stelle verlieren, verdienen aber viel weniger. Und sie haben nach einer Kündigung dieselben Probleme wie alle aus anderen Branchen auch.
Gleichzeitig: Viele Banker, die entlassen werden, haben weniger solchen als andere Entlassene. Gerade die UBS hat ja einen sehr grosszügigen Sozialplan, Geld fehlt erstmal nicht.
Es stimmt, der Sozialplan der UBS ist grosszügig. Doch langfristig ersetzt er weder Perspektive noch Sinn. Am Ende geht es den meisten nicht nur um Geld, sondern um eine Aufgabe, in der sie gebraucht werden.
Jetzt hat der Banker, der direkt nach der Kündigung zu Ihnen gekommen ist, seinen ersten Schock überstanden. Was steht nun an?
Hat man etwas Abstand gewonnen, lohnt es sich, Kollegen und Freunden aus der Branche offen mitzuteilen, dass man auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist.
Und anfangen, Bewerbungen zu schreiben.
Ihr Klient beginnt zu suchen, erhält aber wochenlang nur Absagen. Wie lange soll er warten, bis er seine Lohnvorstellungen, seine Ansprüche an die Stelle und den Arbeitsort senkt?
Nicht sehr lange. Wird er zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und erhält die Stelle erst in der letzten Runde nicht – dann ist es Zeit, die Erwartungen zu senken. Wird jemand gar nicht erst eingeladen oder nur zu einem Gespräch, muss er seine Bewerbungsunterlagen überarbeiten oder ein Bewerbungstraining machen. Da übe ich dann zum Beispiel Dinge wie im Gespräch immer Blickkontakt zu halten.
Der Banker aus dem Beispiel hat jetzt eine Stelle, ist zufrieden damit. Aber wie Sie auch sagen: Die nächste Kündigungswelle kann immer kommen. Was tun, damit der Schock beim nächsten Mal nicht mehr ganz so tief geht?
Auch beim tollsten Job nicht vergessen, wie wichtig das Privatleben ist.
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