Plötzlich erscheinen die goldenen Jahre doch nicht so glänzend. Leere statt Lust macht sich breit. Das muss nicht sein. Wie der Schritt in die Pensionierung gut gelingt – eine Anregung.

Vollständiger Artikel mit Interview in der November-Ausgabe 2025 von Active & Live.

Interview von Susanne Perren

Beat Jakob, selbständiger Karriere- und Führungscoach für Veränderungen im Berufsleben, plädiert dafür, sich vor der Pensionierung zu fragen, wofür man noch brennt.

Sie sind jetzt 58 Jahre alt. Gehen Sie mit Freude oder Bedacht auf die Pensionierung zu?

Ich gehe mit Achtsamkeit und Zuversicht auf diese Lebensphase zu. Für mich bedeutet Pensionierung nicht Rückzug, sondern eine neue Form von Aktivität – mit mehr Freiraum, aber weiterhin mit Sinn. Ich freue mich darauf, meine Zeit selbstbestimmt zu gestalten und Interessen nachzugehen, die im Berufsalltag zu kurz kamen. Zum Beispiel habe ich wieder mit dem Schachspielen begonnen – im Moment spiele ich regelmässig gegen den Computer, mit dem Ziel, zur Pensionierung Gleichgesinnte zu finden, etwa in einem Verein. Dieses bewusste Einüben neuer Routinen gibt mir heute schon Vorfreude auf den kommenden Lebensabschnitt.

Bei der Pensionierung sind wir von einem Tag auf den andern angehalten, nichts mehr zu tun. Weshalb fällt und das so schwer?

Unsere Identität ist oft eng mit dem Beruf verknüpft. Arbeit strukturiert den Alltag, gibt Anerkennung, soziale Kontakte und ein Gefühl von Bedeutung. Fällt das weg, entsteht eine spürbare Lücke – zeitlich, sozial und emotional. Besonders herausfordernd ist der Wegfall der gewohnten Struktur: Der Kalender ist leer, Routinen brechen weg, Aufgaben entfallen.

Wie häufig begegnen Ihnen Klientinnen und Klienten, die unter dem Empty Desk Syndrom leiden?

Das ist ein sehr verbreitetes Phänomen. Besonders betroffen sind Menschen, die sich stark mit ihrer beruflichen Aufgabe identifizieren – unabhängig von ihrer hierarchischen Stellung. Es sind oft jene, für die die Geschäftsagenda ein zentraler Lebensinhalt war, die sich mit grossem Engagement eingebracht haben und deren Alltag stark durch den Beruf strukturiert war.

Häufige Muster sind ein Gefühl des Entwertetseins, innere Leere oder Orientierungslosigkeit. Oft fehlt eine bewusste Auseinandersetzung mit dem „Danach“. Viele stellen sich nicht rechtzeitig dem neuen Lebensabschnitt – sie warten ab, bis die Pensionierung und das Loch da ist. Dabei wäre es gerade wichtig, diesen Übergang frühzeitig aktiv zu gestalten, statt ihn passiv auf sich zukommen zu lassen.

Was erleben die Betroffenen psychisch? Sie erleben einen Verlust an Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Status. Es ist vergleichbar mit einer Identitätskrise. Der Mensch ist ein «Gewohnheitstier» – der Wegfall von Routine kann Stress erzeugen, wenn keine neuen Strukturen entstehen.

Daraus lässt sich folgern: Besser früh mit der Planung der Pensionierung starten. Wann ist ein guter Zeitpunkt? Mindestens zwei bis fünf Jahre vorher – und zwar nicht nur finanziell, sondern auch persönlich: Was sind meine Interessen, Werte, sozialen Netzwerke? Was gibt meinem Alltag künftig Sinn? Wo und wie hole ich nach meiner Pensionierung meine körperlichen und geistigen Herausforderungen? Welche Träume möchte ich noch verwirklichen?

Wichtig ist: Nur Sport genügt nicht. Was passiert, wenn plötzlich eine Verletzung dazwischenkommt? Ein Kollege war an einem meiner Pensionsanlässe, wo ich genau das thematisiert habe. Später kam er auf mich zu und sagte: «Du hattest recht.» Kurz nach seiner Pensionierung verletzte er sich – und leider war er nicht vorbereitet und fiel in ein Loch.

Bleiben wir kurz bei den geistigen Herausforderungen: Rettet einen das tägliche Sudoku?

Es kann ein Ritual werden, wie dies das Beantworten von Emails im Geschäftsalltag war. Wir sollten uns bewusst sein: Im Job waren wir täglich mit ungewohnten Situationen, Analysen und Fragen konfrontiert. Diese geistige Herausforderung fällt plötzlich weg. Es sind keine Fragen mehr da, welche Sie vielleicht nicht auf Anhieb beantworten können. Deshalb ist es wichtig, sich geistig zu fordern. In der Schweiz gibt es zum Glück viele Angebote wie etwa Altersuniversitäten oder Communities wie «Rent a Rentner», die uns mit neuen Themen weiterhin fordern. Es fällt, noch dies, plötzlich auch ganz viel Kommunikation weg. All die Begegnungen im Job sind nicht mehr. Gemeinsame Treffen und Austauschrunden werden umso wichtiger.

Welche Vorbereitungen oder Massnahmen empfehlen Sie bereits vor dem Austritt aus dem Berufsleben? Setzen Sie sich rechtzeitig mit dem neuen Lebensabschnitt auseinander – etwa durch ein Standortgespräch, eine Werteklärung oder den Entwurf eines persönlichen «Zukunftsprofils». Auch das bewusste Abschiednehmen vom bisherigen Berufsleben gehört dazu – innerlich wie äusserlich.

Wichtig ist das Bewusstsein, dass sich etwas grundlegend verändert. Wer diesen Perspektivwechsel zulässt und nicht so tut, als ginge alles einfach weiter wie bisher, kann den Übergang deutlich aktiver und erfüllter gestalten.

Das Danach wird anders. Wie subtil dieser Übergang verlaufen kann, zeigen folgende zwei Beispiele: Während der Berufsjahre ist es oft selbstverständlich, dass man wöchentlich mit Kolleginnen und Kollegen essen geht – man geht davon aus, das bleibe auch nach der Pensionierung so. Doch die Gesprächsthemen verändern sich, und irgendwann bleibt die Einladung aus.

Äusserlich Abschied nehmen: Wie geht das? Überlegen Sie sich, wie Sie gegen aussen das Berufsleben verabschieden. Rituale helfen uns, Übergänge bewusst zu machen. So wird die Abschiedsfeier – und sei es ein Bier mit den engsten Kollegen – zu einem fixen, wahrnehmbaren Abschluss.

Der Job ist vorbei, die Enkel wollen gehütet werden – das Zeitloch ist gestopft. Reicht das? Nicht ganz. Studien zeigen: Wer aktiv bleibt, sozial eingebunden ist und Aufgaben hat, lebt zufriedener und gesünder. Wichtig ist, dass diese Aktivitäten freiwillig gewählt sind und sinnstiftend erlebt werden – ob Ehrenamt, Sport, Musik oder ein Gartenprojekt.

Was dabei oft übersehen wird: Die Enkel zu hüten reicht langfristig nicht als Lebensaufgabe. So schön und erfüllend das sein kann – es braucht zusätzlich etwas Eigenes, das unabhängig vom familiären Umfeld Sinn stiftet und Identität gibt.

Die gezielte Förderung gelingt, wenn man rechtzeitig ausprobiert, was Freude macht und worin man aufgehen kann – idealerweise schon vor der Pensionierung. Dabei hilft eine einfache, aber zentrale Frage: Wo und wie hole ich nach meiner Pensionierung meine körperlichen und geistigen Herausforderungen?

Sind Männer oder Frauen anfälliger, in ein Loch nach der Pensionierung zu fallen? Männer definieren sich oft stärker über Leistung und Beruf, Frauen häufiger über soziale Rollen. Führungskräfte sind oft besonders betroffen – ihr Kalender war jahrelang durchgetaktet, Entscheidungen waren gefragt. Der Bruch ist dann besonders abrupt.

Können Sie Beispiele aus Ihrer Praxis teilen, in denen der Umgang mit dem Empty Desk Syndrom besonders gelungen ist? Ein Klient von mir – ein ehemaliger Banker – hat sich bewusst Zeit genommen, um in die Rolle eines Mentors für junge Gründer hineinzuwachsen. Eine andere Person entdeckte ihre alte Leidenschaft fürs Malen neu und entwickelte daraus eine regelmässige kreative Praxis.

In beiden Fällen war der Schlüssel: Selbstbestimmtheit und eine klare persönliche Vision. Beide haben sich früh gefragt: Was will ich künftig mit meiner Zeit anfangen? – und erste Schritte bereits vor der Pensionierung gesetzt.

Wichtig war aber auch das Bewusstsein, dass sich etwas grundlegend verändert. Wer diesen inneren Perspektivwechsel zulässt und nicht so tut, als ginge alles einfach weiter wie bisher, kann den Übergang deutlich aktiver und erfüllter gestalten.

Was wünschen Sie sich gesellschaftlich, damit zukünftige Pensionierungen menschlich und inhaltlich besser begleitet werden? Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für Lebenserfahrung und eine gezielte Begleitung beim Übergang in den Ruhestand. Unternehmen sollten dieses Thema systematisch aufgreifen – etwa durch Austritts-Coachings, Peer-Gruppen für 60+ oder persönliche Reflexionsformate.

Der finanzielle Aspekt wird zum Glück häufig thematisiert. Beim persönlichen Teil hingegen höre ich oft: «Das kommt dann schon gut.» Genau hier liegt die Gefahr. Denn wer den Übergang verdrängt, fällt leichter in das berüchtigte Loch danach.

Lassen sich solche Fragen in der Gruppe beantworten? Eher weniger. Viele Menschen öffnen sich nicht in grösseren Gruppen. Aus der Teamentwicklung weiss man: Je grösser die Gruppe, desto unausgewogener der Austausch.

  • 2–4 Personen: Fast alle reden, kaum stille Teilnehmer.
  • 5–8 Personen: 1–2 eher ruhig, der Rest aktiv beteiligt.
  • 9–15 Personen: 3–6 eher zurückhaltend, einzelne dominieren.
  • Über 15 Personen: Oft beteiligen sich 30 Prozent oder mehr kaum – die Diskussion wird von wenigen getragen.

Gerade im Übergang zur Pensionierung lohnt es sich daher, kleinere Formate oder Einzelbegleitungen zu wählen, um echte Auseinandersetzung und persönliche Entwicklung zu ermöglichen.

Dabei sollten folgende persönlichen Fragen im Raum stehen: Was bedeutet dieser Schritt für mich? Was fällt weg – und was kommt neu? Wo hole ich meine geistige und körperliche Herausforderung? Der Ruhestand ist kein Abstellgleis, sondern eine Lebensphase voller Chancen. Aber diese Chancen entfalten sich nicht von allein – sie brauchen Vorbereitung, Reflexion und Austausch.

Susanne Perren